Neuhausen fällt auf eigenen Deepfake rein
- vor 6 Tagen
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28.03.2026
M-BK
HSG 2 – TSV Neuhausen/Filder 3
Das goldene Rad der Vorhersehung dreht sich über der in Flammen stehenden Spitze des Schicksalsberges. Es ertönt die beliebte „Game of Thrones“-Titelmelodie. Fast wäre man schon geneigt, sich auf einen prächtigen Filmabend einzustellen. Dann merkt man: Da steht nicht „Game of Thrones“. „Game MADDRY“ (wie sich die dritte Garde der Neuhäuser Maddogs nennt) flackert da einem entgegen. WTF?
Szenenwechsel – Mittelalterliches Lanzenstechen
Ein prächtiger Ritter mit HSG-Schild reitet einem properen Hund mit Frisur, als wäre er direkt auf dem Weg zum Casting für den dritten Teil von New Kids, entgegen. Wer genau hinschaut, erkennt, dass auf dem Schild unter HSG ein Ebelbach Bünzwangin aufgedruckt ist. Nun ertönt DJ Khaleds „All I Do Is Win“, während der wildgewordene Hund, welchem auf wundersame Weise plötzlich ein Schnauzer gewachsen zu sein scheint, mit seiner Lanze den Ritter brachial vom Ross stößt. Seine vom Stoß zerbrochene Lanze schwebt wie von Zauberhand neben dem jubelnden Köter her.
Neuhausens Dritte bewarb mit diesem Video die Partie gegen die Raichbergritter auf Social Media. Und offenbar fielen die Meisterschaftsfavoriten auf ihren eigenen Deepfake rein, denn dass sich diese am Raichberg die Butter vom Brot nehmen lassen mussten, schmeckte der MADDRY so überhaupt nicht. Ganz anders die heimischen Ritter, geschult in puncto Soziale Netzwerke, welche erstens sofort das KI-Video erkannten und zweitens, dass der Gegner die HSG nach der deutlichen Hinspielniederlage vielleicht nicht ernst genug nahm. Nun wurde Neuhausen eine Lehrstunde erteilt.
Nur ein einziges Mal konnten die Gäste in Führung gehen. Der eingelaufene Riegl scheiterte freistehend am Kreis an Neuhausens Marin Sokcevic (Keinen Vorwurf an dieser Stelle an Riegl, denn Sokcevic als Urheber des KI-Videos glaubte zu diesem Zeitpunkt selbst noch an den Sieg seiner MADDRYs und parierte stark) und schon rollte ein Neuhäuser Konter zu deren 0:1-Führung. Auch die zweite Parade verzeichnete Sokcevic, während Neuhausens Sandro Stubert im Gegenzug nur auf Kosten eines Siebenmeters gestoppt werden konnte. Die ersten 160 Sekunden liefen ganz nach dem Geschmack des TSVN. Aber die Raichbergritter hatten einen Häderle und der blieb beim Siebenmeter Sieger, während vorne Karpischek den 1:1-Ausgleich erzielte. Neuhausen leistete sich ein Stürmerfoul und Karpischek ließ einen gefühlvollen Heber zur 2:1-Führung folgen. Becher holte sich im Gegenzug eine Zeitstrafe ab, die vielleicht gar nicht seine war. Aber seine Ritter störte das wenig. Häderle parierte den nächsten Strafwurf und Karpischek ließ in Unterzahl zwei weitere Treffer zur 4:1-Führung (7. Minute) folgen. Becher war kaum zurück auf dem Feld, da läutete Labude mit seinem 5:2 den nächsten 4:0-Lauf der HSG ein.
Drei verfrühte Ostereier von Mauch, eines schimmliger als das andere, und die Ritter lagen mit 8:2 (11. Minute) vorne. Labude, Riegl vom Punkt und Mauch verwalteten den komfortablen Vorsprung bis zum 11:5. Selbst als Conrad sich dann auf der Strafbank ausruhen durfte, ließ die Anti-Deepfake-Force der Ritter nicht abreißen. Olympionike Salzer sprang in die Bresche beziehungsweise sprang und dreschte – gemeint ist der Ball zum 12:6. Man kann es nicht anders beschreiben, die MADDRY wusste nicht, wie ihr geschah. Auch die nächste Unterzahl überstand die HSG schadlos. Und auch der dritte Strafwurf der Gäste wurde Beute der Ritter, weil Griffith tenkakelte, wie nur ein Griffith tentakeln kann. Vom Kreis trugen sich Reimanns Heer, also der Stefan, und Becher bis zum Pausenpfiff auch noch in die Torschützenliste ein und so hieß es nach 30 bärenstarken Minuten 16:11. Neuhausen hatte sich offenkundig nur auf eine HSG Ebelbach Bünzwangineingestellt und war nicht bereit für die mannschaftliche Geschlossenheit einer Raichbergritter-Anti-Deepfake-Force. Natürlich war man sich aber bewusst, dass die letzte Lanze in der Partie noch nicht gestochen war.
Doch nach Wiederanpfiff sah es zunächst fast nach einer waschechten Kopie - keinem Fake - der ersten Hälfte aus. Neuhausen gelang der erste Treffer im Konter und dann folgten drei Tore der HSG-Außen Karpischek von LA und Reck von RA. Die Heimsieben wurde dezimiert, doch Häderle parierte den nächsten Siebenmeter. Becher erhöhte auf 20:12 in der 39. Minute. Drei Viertel der Partie waren absolviert, da lagen die Ritter immer noch mit 23:17 in Front, weil Reck auf Außen auch den vierten Treffer markieren konnte und Conrad sich endlich auch einmal zu einem Treffer überreden ließ. Aber irgendjemand musste Neuhausen dann über den Deepfake in Kenntnis gesetzt haben, denn MADDRY-Coach Schneider bat zur Auszeit und informierte seine räudigen Straßenköter. Und weil Neuhausen ein Spitzenteam ist, können die sogar umsetzen, was der Trainer sagt. Reck brauchte eine Pause und Mauch versemmelte drei Chancen in Folge. Da halfen auch zwei weitere Siebenmeter-Paraden von Häderle nichts. Neuhausens Hundenasen hatten Lunte gerochen und pirschten sich so sukzessive ran. Mit extrem tiefem Körperschwerpunkt suchten die Gäste nun immer wieder im 1:1 den Erfolg und wurden dafür mit Siebenmeter belohnt. Regisseur Conrad benötigte eine Verschnaufpause und so war zwölf Minuten vor dem Ende der Vorsprung beim 24:20 auf vier Tore geschmolzen. Auch auf den Rängen und in der Arena ging es nun deutlich emotionaler zu. Aus Neuhausen nahm man schließlich einen weiten Weg auf sich und angestachelt von Social Media durften die Edelfans selbstverständlich zwei Punkte erwarten. Neuhausens fehlgeleitete Wutbürger wollten die Punkte mit aller Gewalt, „Drecksack“ und „Niklas, gib ihm eine“ skandierten die TSV-Fans unter anderem im Schutze der Anonymität. Coach Reimann versuchte hiernach in einer Auszeit zu beruhigen, jedoch ging acht Minuten vor Ende die Neuhäuser Dritte dennoch auf zwei Tore in Tuchfühlung. Beim Gegner kehrte die Sicherheit im Spiel zurück und der Ball lief in deren Reihen nun deutlich flüssiger. Gleichzeitig bedienten sich die Gäste nun auch den Starallüren eines Tabellenführers. Da wurde schon zwei Meter vor dem Kontakt geschrien, da rollte man sich plötzlich auch wie Neymar in seinen besten Zeiten am Boden. Mit deren Talent hätten sie dieses Fake-Spiel nicht nötig gehabt, denn belohnt wurden sie bis zur 53. Minute dennoch. Da hieß es auf einmal 25:24 und das Spiel stand endgültig auf Messers Schneide.
Wieder bügelten die HSG-Außen die aufkochenden Wellen. Erst verbuchte Reck seinen fünften Treffer auf der rechten Seite in Halbzeit zwei, dann ließ Karpischek seine Farben jubeln, als sich eine ungewohnt große Lücke für ihn auftat. Fünf Minuten vor dem Ende waren die Ritter wieder mit 27:24 in Gänze tugendhaft. Auch den nächsten Siebenmeter fischte Sportangler Häderle, sodass die beiden Torhüter zusammen insgesamt bei unfassbaren 60% der Würfe vom Punkt unbezwingbar blieben.
In der 56. Minute durfte Karpischek bei seinem siebten Tor jubeln (28:25) und trotz Treffer im direkten Gegenzug verlor die Raichberg-Sieben nicht den Glauben an ihr Kollektiv. Häderle parierte mindestens den sechsten oder siebten Wurf in Folge und Ebersbach hatte den „maybe the best right wing in the world“-Unterkircher, der mit perfektem Timing an den Kreis eingelaufen von Karpischek zum vorentscheidenden 29:26 bedient wurde. Dass dann Schnellfuß Riegl den cremigen 30:27-Endstand vermelden durfte, setzte dem ganzen mittelalterlichen Lanzenstechen die Krone auf!
Man darf eben nicht blind Videos aus dem Internet trauen. Man muss auf die Mannschaft vertrauen. Auf das Kollektiv. Auf die Ritter!
Raichbergritter:
Im Tor: Häderle, Griffith
Im Feld: Riegl (3/2), Salzer (1), Karpischek (7), Labude (3), Rohse, By Chan, Martin, Unterkircher (1), Kälberer, Becher (2), Conrad (1), Reck (5), Mauch (6), Heer (1)
Offizielle: Reimann, Stahl
